Lächeln unter Tränen

Oxana Arkaevas Solo-Gastspiel im Podium des Ulmer Theaters

E. Pluta, 29, März 2018

Ein gewöhnlicher Arienabend war das nicht, der „psychologisch-musikalisch-literarische Rundgang“, den die Sopranistin Oxana Arkaeva unter dem Titel Das edle Leid der noblen Frauen im Podium des Ulmer Theaters herausgebracht hat (Premiere: 17. März 2018). Mit Unterstützung der Regisseurin Birgit Kronshage gibt sie vielmehr eine szenische Performance, in der sie vorführt, wie die Opernheldinnen von Monteverdi und Purcell über Mozart, Donizetti, Verdi und Tschaikowsky bis zu Wagner und Richard Strauss in Schönheit leiden und gelegentlich sterben, wobei den Arien Gedichte vorangestellt sind, die zu den (durchweg in Originalsprache gesungenen) Operntexten einen mittelbaren Bezug haben, oft aber auch einen Kontrapunkt setzen.

DEL 17032018
Die alte Gräfin. Foto: M. Gales

Wie eine Pennerin wirkend, mit einem Köfferchen ausgerüstet, humpelt sie auf die leere Bühne und beginnt mit dem wehmütigen Rückblick der alten Gräfin aus Pique Dame, die sich an eine Arie (von Gretry) aus ihrer Jugendzeit erinnert. Das Köfferchen, man erfährt es bald, enthält die wichtigsten Kostümteile und Requisiten, die für das kommende Spiel benötigt werden, um von einer Rolle in die andere zu schlüpfen.

Die Sängerin zeigt im Spiel komödiantische Talente, die in ihrem Stimmfach des lyrisch-dramatischen Soprans gemeinhin kaum gefordert sind. Und sie fährt die Stimme nur voll aus, wo es der Noten-text vorschreibt, setzt sonst auf die leiseren Zwischentöne, dröselt die Arien zu inneren Monologen auf.

Losgelöst aus dem Zusammenhang der Stücke und konfrontiert mit den literarischen Texten ergeben die vorgestellten Arien oft einen ganz neuen Sinn. Auffallend ist das bei dem Zeit-Monolog der Marschallin aus dem Rosenkavalier – eine Rolle, die von der Künstlerin am Ulmer Theater sehr eindrucksvoll verkörpert worden war -, der hier in Verbindung mit Rudolf Rolfs’ Geistesgegenwart auch in der gesanglichen Ausformung einen fri-volen Cabaret-Touch erhält.

Ottavia. Foto: M. Gales
Disprezzata regina (Ottavia). Foto: M. Gale

Tatjanas berühmte (hier gekürzte) Briefszene aus Eugen Onegin wiederum erfährt durch Erich Kästners Gebet keiner Jungfrau eine ironische Brechung. Ein sarkastischer Blick fällt auf die Arie der skrupellosen Karrieristin Vitellia aus Mozarts La clemenza di Tito („Deh! Se piacer mi vuoi“), die auf Brigitte Heidebrechts Lied einer Beziehungskämpferin folgt und in der die narzißtische Veranlagung der Figur sich nicht nur in gleißnerischen Koloraturen ausdrückt, sondern auch im verzückten Gebrauch des Smartphones zu Selfie-Zwecken.

Überhaupt sind die edel leidenden noblen Frauen nicht durchweg bedauernswerte Opfer. Vitellia stiftet den ihr hörigen Sesto zum Mord an seinem Freund Titus an, die verstoßene Ottavia den gleich ihr betrogenen Ottone zum Mord am libertinären Kaiser Nero, und die Giftmischerin Lucrezia Borgia, deren einzige schwache Stelle die Liebe zu ihrem Sohn Gen-naro ist, wird gar zur Massenmörderin.

Amangul Klychmuradova cut
Amangul Klychmuradova. Foto: W. Gschwandtner 

 

In deren Arie „Com’è bello“ zeigt Oxana Arkaeva hohe Belcanto-Kultur, die sie auch in den anderen Nummern nicht verleugnet. Das Beste kommt zum Schluß: eine innige, entrückte Interpretation von Isoldes Liebestod. In Amangul Klychmuradova hat die Sängerin eine überaus sensible, in allen Musikstilen sattelfeste Begleiterin zur Seite; gemeinsam erreichen die beiden Künstlerinnen eine kammerspielhaf-te Intimität, wie man sie in der Oper nur selten erlebt.

 

 

 

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